“Ich habe keine Beschwerden.” - Warum Frauen ihre Probleme oft kleinreden

„Ich habe keine Beschwerden mit meinem Zyklus.“ oder „Das betrifft mich nicht.“ Das höre ich sehr oft im Gespräch mit Frauen und ich würde es richtig gut finden – Würde es der Realität entsprechen. Später im Gespräch oder beim nächsten Treffen die gleiche Frau: „Bevor ich meine Tage bekomme, könnte ich tagelang heulen.“ oder „Boa, die Brüste schmerzen extrem.“ oder „Puh, ich hab so Hitzewallungen.“ oder „Ich schlafe schon seit Wochen nicht mehr.“ oder „Meine Haut spielt wieder mal verrückt.“ oder oder oder. Und am Ende „Bei mir hilft ja eh nichts, da kann man nichts machen.“

Sind die Hormone an allem Schuld? Ja, nein und vielleicht. Muss jedes Zwicken und Zwacken gleich pathologisiert werden? Bitte nicht! Aber der Zyklus und die Hormone beeinflussen so ziemlich alles.

Deshalb frage ich mich, warum es heutzutage in unserer überinformierten Welt immer noch so viele Frauen gibt, die zwar glauben alles über ihren Zyklus zu wissen, sich aber nicht darüber bewusst sind, wie sehr sie von ihrem Zyklus und ihren Hormonen gesteuert werden und vor allem nicht wissen oder glauben, dass man tatsächlich etwas dagegen oder dafür tun kann.

Woran liegt diese Skepsis und der Umstand, dass viele Frauen ihre Beschwerden immer noch als gegeben betrachten, kleinreden, nicht wahrhaben wollen oder der Meinung sind, dass das einfach dazugehört? Und was sind Zyklus und hormonell bedingte Beschwerden? Was verdient es überhaupt beachtet zu werden?


Häufige Beschwerden

Bei Zyklus und hormonell bedingten Beschwerden kommen einem zuerst einmal ganz offensichtliche Belastungen wie Schmerzen oder Krämpfe in den Sinn. Starke Blutungen, Erkrankungen wie Endometriose und oder auch das unspezifische PMS schwirren auch noch irgendwo in den Köpfen umher. So zeigte auch der letzte Menstruationsgesundheitsbericht, dass Schmerzen, Krämpfe, veränderter Appetit, Unwohlsein, Müdigkeit, Gereiztheit und Verdauungsprobleme zu den häufigsten Leiden gehören.

Fakten aus dem Bericht, die mich nachdenklich machen: Insgesamt zwei Drittel der befragten Personen gab an, unter Schmerzen während der Menstruation zu leiden. Über 50 Prozent der Personen mit Menstruationsbeschwerden nehmen Schmerzmittel ein, allerdings suchen nur etwa 12 Prozent trotz ihrer regelmäßigen Schmerzen ärztliche Hilfe auf.
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Hormone beeinflussen das ganze Leben

Die Auswirkungen von Hormonen zeigen sich allerdings nicht nur in unmittelbaren Zyklusbeschwerden. Der ganze Körper verfügt über unzählige Hormonrezeptoren. Die Sexualhormone sind eng mit anderen Hormonen wie den Stress- und den Schilddrüsenhormonen verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig.

Also auch nicht offensichtliche Beschwerden, die auf den ersten Blick nichts mit dem Zyklus zu tun haben, können hormonell bedingt sein. Diese können sehr vielfältig sein: Energiemangel, Müdigkeit, Erschöpfung, Ängstlichkeit, depressive Verstimmungen bis hin zur Depression, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, trockene Haut, Libidoverlust, brüchige Nägel und Haare, Reizbarkeit, Schwitzen, Kopfschmerzen, Brain Fog, Gewichtszunahme, Infektanfälligkeit, Schwindel, wiederkehrende Blasenentzündungen und noch vieles mehr.
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Wann besteht Handlungsbedarf?

Offensichtliche oder starke Beschwerden sollte man natürlich sofort medizinisch abklären lassen. Aber auch bei den nicht eindeutigen Symptomen lohnt sich ein Blick auf den Zyklus oder die Hormongesundheit. Alles, was einen gewissen Leidensdruck verursacht und subjektiv Probleme bereitet, hat es verdient, ernst genommen zu werden. Und das kann nur jede Frau individuell für sich selbst beurteilen. Offensichtlich herrscht aber eine gewisse Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen und es fehlt auch das Bewusstsein, dass man aktiv etwas tun kann.

Eine geeignete Hilfeleistung setzt sich einerseits aus einer geeigneten medizinischen Versorgung, wenn notwendig und andererseits aus ganzheitlichen Maßnahmen zusammen. Mittlerweile ist es erwiesen, dass sich eine Ernährungsumstellung, Anpassungen des Lebensstils oder auch Unterstützung durch pflanzliche Mittel äußerst positiv auf zyklus- und hormonbedingte Beschwerden auswirken können.
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Die Realität

Laut Menstruationsgesundheitsbericht fühlen sich die befragten Frauen zu 42,8 Prozent sehr gut und zu 45,9 Prozent gut über Menstruation und Zyklus informiert. Gleichzeitig sind aber Beschwerden in Bezug auf die Menstruation so weit verbreitet. Warum werden diese dann oft geleugnet, heruntergespielt, als gegeben betrachtet oder einfach nicht angegangen. Man könnte meinen, diese Frauen leiden an Realitätsverweigerung oder Gedächtnisverlust.
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Gender Health Gap und Medical Gaslighting

Als erste Anlaufstelle bei Zyklus und hormonell bedingten Beschwerden gilt die Gynäkologin oder der Gynäkologe. Aber welche Frau hat nicht schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sie mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen wurde, mit einer nicht zufriedenstellenden Lösung nach Hause geschickt wurde oder nicht die richtige Diagnose erhalten hat. Genau das beschreibt das so genannten Medical Gaslighting, wenn man im medizinischen System nicht ernst genommen wird und die Beschwerden als übertrieben oder eingebildet eingestuft werden oder man sogar als „hysterisch“ abgestempelt wird. Vor allem Frauen sind überdurchschnittlich oft davon betroffen. So dauert es zum Beispiel bei Endometriose im Schnitt mehrere Jahre bis die richtige Diagnose gestellt wird.
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Hysterie: Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Gebärmutter“. Die Vorstellung einer im Körper wandernden Gebärmutter, die neben vielen anderen Krankheitssymptomen zum typischen „hysterischen“ Verhalten bzw. „hysterischen Anfall“ führt, geht schon auf die Antike zurück. Später im Mittelalter glaubte man, dass Krankheitssymptome, wie psychische Erkrankungen, Krämpfe oder abnormales Verhalten als Hexenmerkmale zu deuten sind, die durch einen Pakt mit dem Teufel hervorgerufen wurden und zu einer dämonischen Besessenheit führten.



Hinzu kommt noch der so genannte Gender Health Gap, die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen im Gesundheitssystem. Frauen werden häufiger fehldiagnostiziert, ihre Beschwerden als psychosomatisch oder als Stress bezogen eingestuft, die Schmerzen weniger ernst genommen und es gibt sogar Daten dazu, dass sie schlechter wiederbelebt werden. Hinzu kommt, dass Studien hauptsächlich an Männern durchgeführt werden, Frauen oft andere Symptome zeigen (siehe Herzinfarkt) oder anders auf Behandlungen und Dosierungen ansprechen. Auch werden Beschwerden einfach auf die Hormone geschoben, weil man eine Frau ist oder es wird nicht daran gedacht, dass die Hormone überhaupt Einfluss haben könnten.

Kein Wunder also, dass man sich bewusst oder unbewusst selber nicht mehr traut und die Probleme kleinredet, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass man nicht ernst genommen wird, nicht die richtige Behandlung bekommt und somit auch nichts gegen die Beschwerden tun kann. Schließlich bleibt einem nicht anderes übrig als seine eigene Wahrnehmung anzupassen – das Leugnen wird zur Coping Strategie.
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Wissenslücken und mangelndes Bewusstsein

Erst in den letzten Jahren rückte die Frauengesundheit immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Zahl der wissenschaftlichen Studien in diesem Bereich nimmt stetig zu und auch der Handel füllt sich immer mehr mit Ratgeberliteratur. Das Wissen und das Bewusstsein über den eigenen Körper, den Zyklus, die hormonellen Veränderungen wie Schwangerschaft oder Menopause steigen zunehmend, sowohl in der Öffentlichkeit als auch im medizinischen Bereich und bei den Frauen selber. In den sozialen Medien wird man regelrecht mit dem Thema bombadiert – Der Zyklus als Trendthema.

So hat man online schnell das Gefühl überinformiert zu sein, aber institutionell bleibt man immer noch ungebildet. So gibt es im realen Leben sehr wenig Angebot, um sich über das Thema zu informieren oder Hilfe zu suchen. Es gibt kein einheitliches, flächendeckendes Angebot für Mädchen und Frauen, das fundiertes Wissen über den eigenen Körper bietet. Und vor allem kein Angebot, das über den Tellerrand hinaussieht, nämlich mit ganzheitlichem Blick und in Zusammenhängen denkend. Es reicht nicht zu wissen, dass der Eisprung etwa zur Mitte des Zyklus stattfindet und man manchmal schlecht drauf ist, bevor man seine Tage bekommt.

Obwohl beim Menstruationsgesundheitsbericht so viele Frauen ihr Wissen als gut einschätzen, kommen auch die Autorinnen zu dem Fazit, dass es für die Zukunft wichtig ist, Wissens- und Informationslücken zu schließen und sowohl Menstruierende als auch Fachpersonal mehr für das Thema zu sensibilisieren.
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Eigenverantwortung entwickeln

Natürlich kann man nicht alles auf die äußeren Umstände abwälzen und alle anderen dafür verantwortlich machen, dass sich nichts ändert. Man kann nicht einfach zur Ärztin oder zum Arzt gehen und die Wunderpille zur Lösung aller Probleme erwarten. Genauso wenig wird der nächste Gesundheitspodcast oder ultimative Gesundheitstipp die Heilung bringen. Natürlich möchte man es leicht haben und am besten schnell. Aber die Eigenverantwortung für die Gesundheit kann man nicht so einfach abgeben.

In einer Gesellschaft, geprägt von Zeitmangel, unendlichen To-do-Listen und endloser Überstimulierung, bleibt kaum mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Natürlich sind Mental Load und die strukturelle Benachteiligung von Frauen Realität, aber die Crux ist genau das: Die, die am wenigsten Zeit dafür aufbringen können, stehen womöglich am meisten unter Druck und hätten es am nötigsten.

Dabei steht an erster Stelle den Körper kennenzulernen und auf seine Signale und Bedürfnisse zu hören. Das impliziert auch, die Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, sich zu informieren, zu hinterfragen, für sich selbst einzustehen und die individuell richtigen Entscheidungen für jede Lebensphase zu treffen.
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Meine Vision

Wäre es nicht so viel einfacher schon Wissen als Maßnahme und Prävention zu haben und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln mit dem Zyklus zu leben und sich nicht erst mit dem Thema zu beschäftigen, wenn man schon Beschwerden hat oder ein Kinderwunsch sich nicht erfüllt? Frauen sind nicht einfach eine kleinere Version von Männern. Auf allen Ebenen des Lebens sollten Hormone, Zyklus und weibliche Physiologie berücksichtigen werden.
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Deshalb wünsche ich mir für die Zukunft:

  • Dass jede Person mit weiblicher Physiologie über ihren Körper Bescheid weiß und dieses Wissen im öffentlichen Leben und institutionell integriert wird.

  • Dass jede Person mit weiblicher Physiologie die Möglichkeit hat, sich zu informieren, beraten zu lassen und bei zyklus- und hormonbedingten Beschwerden Hilfe bekommen kann, abseits der standardmäßigen medizinischen Unterstützung, die hauptsächlich auf Pathologien ausgerichtet ist.

  • Dass das Wissen um den weiblichen Körper in sämtlichen Ausbildungen Einzug findet und auch anerkannte Ausbildungen in diesem Bereich geschaffen werden.

Das würde nicht nur das Leben der Frauen besser machen, sondern das Zusammenleben der ganzen Gesellschaft fördern. Deshalb möchte ich mit meinen Angeboten Teil davon sein, Bildung und Bewusstsein über Themen der Frauengesundheit zu schaffen. Nur so können nachhaltige Veränderungen passieren und ein gesellschaftlicher Wandel ermöglicht werden.
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Links:

Menstruationsgesundheitsbericht

Diagnose: Frau. Neues aus der Gendermedizin